Spiegel-Gespräch mit Swetlana Geier

Darf ich das Interview mit Swetlana Geier eigentlich hier veröffentlichen? Wahrscheinlich nicht. Verschiedene Blogger haben mich darauf aufmerksam gemacht – Danke dafür.

Da mich das SPIEGEL-Gespräch mit Frau Geier aber nun mal sehr berührt hat, soll es hier stehen. Bemühe mich um die Erlaubnis der Redaktion.

Autor: Claudia Voigt;  Foto: Friedel Ammann

SPIEGEL: Frau Geier, der Film “Die Frau mit den fünf Elefanten” über Ihr Leben und Ihre Arbeit als Übersetzerin war für den Deutschen Filmpreis nominiert. Ein Film über eine alte Dame, die Litera­tur aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt, ist ja ein ungewöhnliches Pro­jekt. Was haben Sie gedacht, als der Re­gisseur Vadim Jendreyko Ihnen das vor­schlug?

Geier: Ich wurde stutzig, denn es ist nicht mein Metier. Ich eigne mich eigentlich nicht dazu, in irgendeiner Form präsen­tiert zu werden, es ist nicht mein Charak­ter, und es ist auch nicht mein Beruf. Ich habe zu Herrn Jendreyko gesagt, ich darf weder angesprochen noch gestört, noch darf irgendwas von mir verlangt werden.

SPIEGEL: Sie sind 87 Jahre alt, Sie wur­den in Kiew geboren, 1943 kamen Sie mit Ihrer Mutter nach Deutschland. Be­rühmt wurden Sie mit den Neuüber­setzungen aller großen Dostojewski-Ro­mane, den sogenannten fünf Elefanten. Kam Ihnen Ihr Leben jemals wie ein Film­stoff vor?

Geier: Ich habe bestimmt 40 Jahre meines Lebens die Unsichtbarkeit geübt, das ist für mich die Rolle meines Lebens. Denn das Übersetzen ist eine Lebensform. Es ist etwa so wie bei einem Musiker. Wenn der Brahms’ Violinkonzert einstudiert, be­steht die Welt aus Brahms’ Violinkonzert, es ist dann total. Seit über 20 Jahren ist die Welt für mich Dostojewski. Und mit dem schlägt man sich mit verschiedenem Erfolg herum.

SPIEGEL: Als Sie mit dem ersten Dosto­jewski-Roman begannen, waren Sie schon 65 Jahre alt. War es lange Ihr Wunsch, Dostojewski zu übersetzen?

Geier: Das ist genau so, wie man gern den Prinzen heiraten möchte. Und wahr­scheinlich ist es genau so selten, dass man den Prinzen auch bekommt. Die ganz große Dichtung ist für uns Durchschnitts­menschen eigentlich unerreichbar.

SPIEGEL: Was haben Sie von Dostojewski gelernt?

Geier: “Verbrechen und Strafe” ist einer der bewegendsten Texte, und wie alle großen Texte hat er einen eigenen Rhyth­mus. Dieser Rhythmus ist ein Presto, ist also der schnellste, den es gibt. Aber im letzten Absatz des Buchs, in den letzten sechs oder sieben Zeilen, wird ein Wort wiederholt, auf Russisch heißt dieses Wort “postepenny” , es ist ein langsames Wort, auch durch das doppelte n. Es heißt “all­mählich”, ein wunderbares deutsches Wort übrigens. Der ganze Roman verläuft also in einem rasanten Tempo, und im letzten Absatz wiederholt sich dreimal das Wort allmählich. Das hat etwas zu sagen: Leben geht allmählich. Wenn man nach der Lektüre dieses Romans sonst nichts gelernt hat, damit hat man schon genug gelernt. Gewalt ist schnell und plötzlich, Leben geht allmählich.

SPIEGEL: Sie haben den Titel von “Schuld und Sühne” in “Verbrechen und Strafe” geändert. Warum?

Geier: Der Blick ins Wörterbuch für das erste Semester macht es klar, das war die Sünde meiner Kollegen. Auf dem Um­schlag dieses Buchs stehen zwei Worte: “prestuplenije” und “nakasanije”. Ver­brechen und Strafe. Da ist für Willkür kein Platz. Das ist eine Schlamperei. Oft kann man beim Übersetzen nur mit Vor­sicht sagen, richtig oder falsch. Es geht selten ganz klar auf. Die Grenzen eines Begriffs in der einen Sprache, die Gren­zen eines Begriffs in der anderen Sprache. Aber hier braucht man nicht zu spekulie­ren, da schaut man einfach im Wörter­buch nach.

SPIEGEL: In welchem Alter haben Sie be­gonnen, Deutsch zu lernen?

Geier: Mit fünf oder sechs Jahren. Und Französisch gleichzeitig. Ich war ja eine Einzeltochter, ich hatte Privatunterricht. Meine Mutter hat gemeint, es kann in un­ruhigen Zeiten nur eine Aussteuer geben: Sprachen. Meine Deutschlehrerin war eigentlich keine gebildete Frau, aber eine phantastische Lehrerin, sie wusste nicht, was sie tat, aber sie hatte einen pädago­gischen Instinkt. Und wenn ich ihr einen deutschen Text vorlesen und übersetzen musste, hat sie immer gesagt: “Nase hoch beim Übersetzen”. Man übersetzt nicht wie eine Raupe, die sich durch ein Blatt frisst, man übersetzt den Satz aus dem Vogelflug. Es geht um das Ganze.

SPIEGEL: Ihre Kindheit und Ihre Jugend verbrachten Sie in den zwanziger und dreißiger Jahren in Kiew. Dort litt die Bevölkerung Anfang der dreißiger Jahre unter ei­ner großen von Stalin geplan­ten Hungersnot. Er wollte da­mit die Bauern der Ukraine in die Kolchosen zwingen.

Geier: Ja, ich habe das alles erlebt, es war grauenhaft. Ich habe den ersten Toten als kleines Mädchen gesehen. Ich ging mit meinen Eltern spa­zieren, und plötzlich blieb mein Vater zurück und hat ge­sagt: Geh mit der Mutter. Und ich drehte mich natürlich um und fragte, was das soll, und dann habe ich gesehen, wie er aus der Tasche ein Taschen­tuch zog. An dem Feldweg lag ein Mensch. Mein Vater deck­te ihm das Gesicht zu. Ein Hungertoter, mitten in einem Weizenfeld.

SPIEGEL: Hat Ihre Familie auch gehungert?

Geier: Nein, wir nicht, mein Vater hatte eine hohe Stellung in der Landwirtschaft. Er war Spezialist für Pflanzenzucht, speziell für Zuckerrüben und Tabak.

SPIEGEL: Ende der dreißiger Jahre, als Stalin die “Große Säuberung” anordnete, kam Ihr Vater in Haft.

Geier: Er war auf den Tag 58 Jahre alt, da wurde er ver­haftet. Weil er braune Augen hatte oder blaue, weil er auf  der rechten Seite ging oder auf der linken. Er gehört zu den 20 Millionen, die damals verhaftet wurden. Aber es gibt Männer, an denen etwas ist, die kann man nicht so nebenher ermorden. Man kann sie foltern, man kann versuchen, sie zu bre­chen, aber man kann diese Männer nicht so einfach erschlagen. Mein Vater wur­de entlassen. Am 12. Mai 1939. Und er starb am 28. Dezember. An den Folgen der Haft.

SPIEGEL: Es lagen nur wenige Jahre zwi­schen der Folter Ihres Vaters durch die Stalinisten und der Ermordung einer en­gen jüdischen Freundin von Ihnen wäh­rend der Besetzung Kiews durch die Na­zis. Welchen Unterschied gab es für Sie zwischen diesen beiden Regimen?

Geier: Die sind durchaus vergleichbar. Und wenn ich versuche, meinen Vater, der ent­lassen wurde, zu beschreiben, dann sind die Fotos von den KZ-Häftlingen der beste Vergleich. So wie die Leute aussa­hen, sah mein Vater aus, als er entlassen wurde. Ich finde, Mörder ist Mörder, un­abhängig von seiner Idee. Und das ist et­was, was heute nicht mehr scharf genug gedacht wird. Es gibt kein Ziel, das einen unrechten Weg rechtfertigen könnte. Le­sen Sie Dostojewski. Das sind uralte Fra­gen. Und der Mensch kann sie immer weniger lösen.

SPIEGEL: Als Sie 1943 mit Ihrer Mutter nach Deutschland kamen, erhielten Sie ein Humboldt-Stipendium. Wie kam das?

Geier: Ich muss sagen, dass ich Deutsch­land bis heute sehr dafür bewundere, dass ich dieses Stipendium bekam. Ich war schließlich eine verwehte Angehörige eines Volkes, gegen das Deutschland da­mals Krieg führte. Ich musste vorher in Kiew ein Jahr lang auf einer Baustelle der Dortmunder Union Brückenbau AG dolmetschen. Meine Mutter und ich ka­men auf diese Weise an unsere Lebens­mittelkarten. Und mich hat man dann für das Alexander-von-Humboldt-Stipen­dium vorgeschlagen, noch während sich die Leute auf dem Feld totschossen.

SPIEGEL: Ist es Ihnen schwergefallen, dass ausgerechnet die Nazis Ihnen diese Mög­lichkeit eröffnet haben?

Geier: Soll ich sagen: Ja, es ist mir schwer­gefallen? Oder soll ich sagen: Nein, es ist mir nicht schwergefallen? Was soll man auf so eine Frage antworten?

SPIEGEL: Ihr Studium haben Sie in Frei­burg aufgenommen. Unter anderem ha­ben Sie später Vorlesungen von Heideg­ger besucht.

Geier: Die Universität war wie ausgedorrt vor Wassermangel, gerissene, tote Erde, es war ein ungeheurer Durst, es war eine herrliche Zeit. Ich saß zitternd da. Ich hatte ja nach zehn russischen Klassen die Schule beendet und wusste nicht, ob mein Deutsch gut genug sein würde. Ich habe alles mitgeschrieben. Die erste Vorlesung, die ich hörte, war “Vom We­sen des Tragischen”. Eigentlich hebe ich nichts auf, ich hasse Papiere. Aber diese ersten Krickel habe ich aufgehoben, man kann Tränen darüber vergießen.

SPIEGEL: Haben Sie auf Russisch oder auf Deutsch mitgeschrieben?

Geier: Auf Deutsch. Die Vorlesungen von Heidegger waren so voll, dass gelegent­lich einem Menschen ein Fuß zerquetscht wurde, das ist nicht übertrieben. Und wenn man da saß und er sprach, verstand man alles. Wenn man rausging, wusste man nichts mehr. Aber das Zuhören war ein kolossaler Genuss. Ich hatte an ihn keine Fragen, ich wollte von ihm gar nichts. Mich interessierte der Mann, der da mit diesen Bällen jonglierte, und es fiel nie ein Ball auf den Boden. Es war ein großer Zauber.

SPIEGEL: Sie sind erst nach über 60 Jahren wieder nach Kiew zurückgekehrt. Der Film “Die Frau mit den fünf Elefanten” zeigt Sie auf dieser Reise.

Geier: Ich bin nicht zurückgekehrt. Ich habe die Stadt besucht.

SPIEGEL: Warum erst nach so vielen Jah­ren?

Geier: Es war für mich sehr interessant, ob es mir, wenn ich Russland besuche, genauso geht wie in Frankreich, wo alle Leute sagen: Oh, Madame, sie sprechen wunderbares Französisch. Doch nach ei­niger Zeit dort merke ich, dass ich au­ßerhalb der Sprache bin. Aber nach Russ­land bin ich zurückgekommen, als wenn ich in ein anderes Zimmer gehe. Trotz­dem möchte ich da nicht leben. Wo ich bin, ist Russland. Ich brauche nicht in den Zug zu steigen.

SPIEGEL: Was meinen Sie, wenn Sie sagen: Wo ich bin, ist Russland?

Geier: Ich denke, es steht in den Sternen geschrieben, dass der Russe und der Deutsche sich aneinander am fruchtbars­ten reiben können. Keine Nation ist mit einer anderen dermaßen beschäftigt wie die Russen mit den Deutschen und die Deutschen mit den Russen. Und natürlich sind die Russen, weil sie materiell ärmer sind, unabhängiger als die Deutschen. Für die Deutschen ist ein Eigenheim ein Wert, sogar für die jüngere Generation. Und die Sprache kommt dem zu Hilfe. Der Deutsche lebt dank seiner Hilfsverben. Sein und haben. Ich habe. Und wenn ich nicht habe, dann ist es nicht gut.

SPIEGEL: Und in Russland?

Geier: Auf Russisch kann ich das gar nicht sagen. Der Deutsche sagt: Ich habe ein Haus. Subjekt, Prädikat, Akkusativobjekt. Im Russischen verliert man seinen Akku­sativ, man ist dann nicht mehr Subjekt. Es heißt: Das Haus ist bei mir. Wenn ich keine Russin wäre, würde ich deshalb eine Russin werden wollen. Die Dinge halten sich bei mir nur eine begrenzte Zeit auf. Ist das nicht phantastisch! Wenn die Deut­schen das nur begreifen würden. Man ist freier. Und die ganzen armen Russen, die nichts haben, ich möchte da nicht leben mit einer Familie, weil es viel zu mühselig ist, aber die Russen sind freier.

SPIEGEL: Und das hat seine Wurzeln in der Sprache?

Geier: Sprache ist Mensch. Sie drückt nicht etwas aus, sie ist Mensch. Sie formt das Denken.

SPIEGEL: Sind Sie auch nach fast 70 Jahren in Deutschland deshalb immer Russin geblieben, weil Sie durch diese Sprache geformt sind?

Geier: Ich bin viel zu glücklich, um zu wis­sen, wie ich geformt bin. Und ich habe viel zu viel zu tun.

SPIEGEL: Erfährt man nicht, wenn man Tausende Seiten Dostojewski übersetzt, eine Menge darüber, wie die Menschen und auch wie man selbst geformt ist?

Geier: Natürlich. Was man tut, hinterlässt Abdrücke. Meine Mutter, sie sprach man­gelhaftes Deutsch, hat so hübsch gesagt: Alles muss bezahlt. Wenn Sie sich zum Beispiel von mir verabschieden und wie­der nach Hause fahren, ganz egal, ob ich Ihnen gefalle oder nicht, ist etwas an Ihnen, das nicht mehr abzuwaschen ist. Bei jeder Begegnung geht etwas auf den anderen über. Und solche Giganten wie Dostojewski berühren einen, wenn man Glück hat, umso nachhaltiger.

SPIEGEL: Wann ist eine Übersetzung ge­lungen?

Geier: Wenn man sie gern liest. Wenn die Begriffe stimmen.

SPIEGEL: Gibt es weitere Kriterien?

Geier: Man muss die Sprache kennen. Da­bei glaube ich, dass fünf Semester Roma­nistik noch keine Kenntnis des Französi­schen bedeuten.

SPIEGEL: Sondern?

Geier: Besteck zum Essen und Trinken. Es reicht nicht, mit den Fingern zu essen. Man muss die Sprachen können, und man muss den Stoff kennen.

SPIEGEL: Sie sind bekannt dafür, Ihre Übersetzungen nicht selbst aufzuschrei­ben, sondern zu diktieren. Was ist der Vorteil?

Geier: Die Sprache ist nicht vom Papier abhängig. Die Sprache lebt in der Luft, und die Sprache lebt von der Luft. Selbst das, was von irgendeinem Menschen ir­gendwann mal aufgeschrieben worden ist – sogar “Faust” von Goethe oder ein Puschkin-Text -, ist ursprünglich in der Imagination entstanden. Deswegen will ich den neuen Text nicht primär sehen, sondern ihn sprechen.

SPIEGEL: Wie viele Seiten Dostojewski haben Sie übersetzt?

Geier: Ich habe nicht gezählt. Es sind sehr viele.

SPIEGEL: Gibt es einen Lieblingssatz?

Geier: Nein, ich habe viele Lieblingssätze. Und ich habe viele Lieblingsworte. Das aggressivste und verwirrendste, das groß­artigste Buch mit der einfachsten Kon­struktion ist wahrscheinlich “Verbrechen und Strafe”. Zu den Fehlern meiner Vor­gänger und der Achtlosigkeit der Her­ausgeber gehörte, dass man sich ange­wöhnt hatte, Wiederholungen auch bei den großen Autoren zu streichen. Nun gibt es ein Wort, das Dostojewski sehr oft gebraucht hat. Man weiß, dass er wenig Geld hatte und ewig ohne Kerze und ohne Essen dasaß. Man dachte sich wohl, na ja, er hatte ungünstige Arbeits­bedingungen, dem Mann kann geholfen werden. Wenn er immer wieder schreibt , „plötzlich”, dann werden wir in der Übersetzung die Zahl der Wörter “plötz­lich” reduzieren auf das Übliche.

SPIEGEL: Was heißt “plötzlich” auf Rus­sisch?

Geier: Es heißt “wdrug”. Mich hat es natür­lich sehr interessiert, warum Dostojewski so oft “plötzlich” schreibt. “Plötzlich” be­deutet ja, dass die Erkenntnis beschränkt ist. Sie wissen nicht, dass hinter Ihnen eine große Spinne sitzt und gleich über Ihren Kopf läuft. Wir wissen nur das, was wir sehen, und was wir nicht sehen, das ge­schieht für uns plötzlich. Es ist eine Di­mension des irdischen Menschen, der auf seine Sinne angewiesen ist. Wir wissen we­nig, wir hören wenig, wir ahnen gar nichts. Aber es gibt ein Bewusstsein, das kein “plötzlich” hat, das göttliche Bewusstsein. Und es ist unheimlich interessant, dass bei Dostojewski gerade in ,,verbrechen und Strafe” das Wort “plötzlich” so häufig vor­kommt, weil er ja von der beschränkten Wahrnehmung des Menschen erzählt.

SPIEGEL: Mögen Sie noch reden, oder wer­den Sie vielleicht langsam müde?

Geier: Müde? Die Vokabel kenne ich nicht. Ich habe, seit meine Kinder klein waren, keine Ferien mehr gemacht, und  ich habe auch kein Bedürfnis nach Frei­eit. Das schönste Märchen unserer Zeit ist es, sein Geld selbständig mit Dingen zu verdienen, die man am liebsten tut.

SPIEGEL: In dem Film über Ihr Leben kann man sehen, dass Sie sehr gern kochen.

Geier: Und ich koche für viele. Wenn man bedenkt, dass ich nur mit meiner Mutter nach Deutschland kam und nun von den zauberhaftesten Enkeln umgeben bin. Ich habe sieben Enkel, zehn Urenkel, und zwei kommen in den nächsten Wochen noch hinzu. Für die alle koche ich sehr gern. Ich habe noch die atavistischen Eigenschaften eines nicht sesshaften Volkes: Vorräte.

SPIEGEL: Kochen Sie ein?

Geier: Ich muss das Zeug haben, um zwei oder drei Wochen durchzuhalten, das ist etwas, was Ihre Generation und auch Ihre Eltern schon nicht mehr kennen.

SPIEGEL: Dann empfinden Sie Sicherheit?

Geier: Sie können kommen und drei Leute mitbringen, und es reicht immer.

SPIEGEL: Gibt es etwas, das Sie besonders gut kochen können?

Geier: Ich backe recht gut, und ich glaube, ich kann mit Gemüse umgehen.

SPIEGEL: Kochen Sie nach Re­zepten?

Geier: Das ist längst vorbei. Ich koche nach dem, was es gibt.

SPIEGEL: Ihre große Verwandt­schaft lebt rund um Sie herum?

Geier: Alle sind in wenigen Stunden da, wenn es sein muss. Der älteste Sohn meiner Tochter macht jetzt ein paar Tage Ferien und hat mir streng empfohlen, auf mich aufzu­passen und nicht zu sterben, bevor er zurückkommt. Schö­ner kann es doch nicht sein.

Swetlana Geier

wurde 1923 in Kiew als Swetlana Michai  lowna Iwanowa geboren. In ihrer Kindheit erhielt sie privaten Deutschunterricht und machte 1941 ihr Abitur. Ihr Vater, Naturwis senschaftler und Agronom, wurde 1938 von den Stalinisten verhaftet und starb an den Folgen dieser Haft. Geier arbeitete wäh rend der Besetzung Kiews durch die Nazis als Dolmetscherin für die Deutschen. 1943 ging sie mit ihrer Mutter nach Deutschland und erhielt ein Alexander-von-Humboldt  Stipendium. Sie studierte Germanistik und vergleichende Sprachwissenschaften an der Universität Freiburg. Nach ihrer Heirat mit dem Geiger Christrnut Geier bekam sie zwei Kinder. Ihren ersten literarischen Text übersetzte sie 1953, eine Erzählung von leonid Andrejew. Ein regelmäßiges Einkom men sicherte sich Geier mit Lehraufträgen an Universitäten. 1988, im Alter von 65 Jahren, begann sie, die großen Romane Dostojewskis neu ins Deutsche zu übertra gen. Ihre Arbeit ist vielfach ausgezeichnet worden. Die 8l-Jährige lebt in Freiburg und übersetzt gerade Dostojewskis “Aufzeich nungen aus einem Totenhaus”


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